Junge Helden

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Atem und Not

Claudia Kotters Lunge ist kaputt. Ihr Verein wirbt für Organspenderausweise

Wann ist ein schlimmer Tag, der schlimmste? Die junge Frau zuckt die Schultern. Gedankenverloren schiebt sie den dünnen Schlauch unter ihrer Nase bis zum Kinn herab. Aus dem winzigen Loch zischt Sauerstoff heraus. Es klingt wie ein undichter Fahrradreifen. Wer ständig vorwärts strebt, schaut ungern zurück. Der schlimmste Tag? Vielleicht jener Junitag im Jahre 2002. San Diego, USA. Eben stand Claudia Kotter noch auf dem Skateboard. Bei einer Studentenparty hustet sie plötzlich Blut. Die Lunge. Die kaputte Lunge, die nicht mehr heilen wird. Fiebergeschüttelt nimmt sie den nächsten Flieger. Die Stewardess bringt ein Sauerstoffgerät. Daheim sagt eine Ärztin: "Wenn Sie nicht in 24 Stunden eine Transplantation bekommen, gibt es keine Überlebenschance." Da ist sie 21. Oder ein Februartag im vergangenen Jahr. Die Sonne scheint. Morgens erklärt man ihr in der Berliner Charité, dass endlich eine Spenderlunge da wäre. Stunden später, schon im Transplantationszentrum des Virchow-Klinikums, muss die Operation abgeblasen werden. Die Spenderlunge hat eine Verletzung. Nichts zu machen. In diesem Moment beginnt es zu schneien. Ein Freund sagt: "Du bist der einzige Mensch, der den Himmel zum Weinen bringt." Momentan hat sich ihre Lunge stabilisiert. Ein wenig. Jetzt aber hat sie noch ein ganz anderes Problem. Mit dem Berliner Energiekonzern Bewag. Claudia Kotter trägt eine modische Fransenfrisur. Ihr Körper, ihr Gesicht sind schmal. Vielleicht wirken ihre hellen Augen deshalb noch eine Spur größer, als sie es ohnehin sind. Ihre Stimme ist rau. Ihr Lachen auch. Und sie lacht oft. Charité, vierter Stock, Pneumologiestation. Beständig schrillt der grelle Klingelton von Claudia Kotters Handy. Auf der roten Bettdecke stapeln sich Papiere. Ein Krankenzimmer, das mehr ist als das: Es ist gewissermaßen ihr Ausweichbüro. Für zwei Wochen hat sie ihr Domizil hierher verlegt. Wieder mal. Ein Routinecheck. Danach wird sie nach Hause fahren. Geboren in Frankfurt am Main, aufgewachsen in Mainz und Wiesbaden, lebt sie nun mit ihrer jüngeren Schwester zusammen in Prenzlauer Berg. Claudia Kotter hat im Juni 2003 den Verein "Junge Helden" gegründet. Er soll Jugendliche und junge Erwachsene dazu bringen, über Thema Organspende zumindest nachzudenken. "Junge Helden Berlin" heißt aber auch eine Sportaktion der Bewag. Zunächst nur eine ärgerliche Panne. Jetzt ist daraus jedoch ein handfester Konflikt geworden. Ein kleiner Verein gegen die große Bewag. Sklerodomie ist eine seltene Krankheit, und eine tückische dazu. Sie greift Organe an, lässt das Gewebe verhärten. Immer weiter, immer mehr. Bei Claudia Kotter ist es eben die Lunge. Sie war vier Jahre alt, als Ärzte die Diagnose stellten, und 18 beim ersten großen Zusammenbruch. Seitdem weiß sie, dass sie eine Spenderlunge braucht. Die Krankheit ist Teil ihres Lebens, sicher. Aber nicht umgekehrt. Man kann den Körper darauf trimmen, mit wenig Sauerstoff auszukommen. Mit viel Willen. Und mit Krankengymnastik und Atemtherapie. Wenn ihr trotzdem die Luft wegbleibt, lässt sie sich von Freunden auf einem Skateboard ziehen. Monatelang stand sie für eine Transplantation auf der HU-Liste. HU bedeutet "High Urgency", höchste Dringlichkeit. Wer dort gelistet ist, hat ohne eine Organspende nur noch wenige Wochen zu leben. So sagt man. Ende April warteten in Deutschland 11 981 Menschen auf eine Organspende, davon rund 500 auf eine Lunge. 2004 wurden 221 Lungen gespendet. Nach fünf Jahren leben noch 50 Prozent der Empfänger. Nur bei einem Prozent der 400 000 jährlichen Todesfälle in Deutschland ist überhaupt eine Organspende möglich. Voraussetzung: der Hirntod. Die meisten Verkehrsopfer beispielsweise sterben an Organverletzungen, für eine Spende kommen sie damit nicht in Frage. Und: Der Tod muss auf einer Intensivstation eintreten. Denn jede Minute zählt. Der 4. Juni ist der "Tag der Organspende". Seit 1983, immer am ersten Sonnabend im Juni. Laut einer Forsa-Umfrage von 2001 halten 82 Prozent der Deutschen Organspenden für sinnvoll. Einen Spenderausweis haben aber nur 12 Prozent. "Wir sind kein Verein, der eine Lunge für Claudia Kotter sucht", sagt Claudia Kotter. Der Verein geht in Schulen, an Universitäten, auf Ausstellungen. Er wirbt für den Organspenderausweis. Auf dem "Junge Helden"-T-Shirt steht: "Leben weitergeben." Die Unterstützerliste kann sich sehen lassen: die Schauspieler Jürgen Vogel, Nora Tschirner, Mathias Schweighöfer, Loretta Stern (Claudias Cousine). Die Moderatorin Barbara Schöneberger, Hertha-Fußballer Fredi Bobic. Und, und, und. Einige von ihnen haben nackt für eine Werbeaktion posiert. Mit Organen, die sie sich an den Leib drückten. Ein Video wurde auch gedreht. In Retro-Ästhetik. Claudia Kotters enger Freund Jürgen Vogel spielt einen Vater, Loretta Stern die Mutter, Jana Pallaske die Tochter, die einen Organspenderausweis bekommt. Die Band Virginia Jetzt! füllt den Hintergrund mit einer sanften Pop-Perle. Der Spot läuft im Kino, bei MTV, bei Vox. Im Kino wurde bis vor kurzem aber auch der Clip für "Junge Helden Berlin" gezeigt. Der Bewag-Schul-Cup startete in dieser Saison zum zweiten Mal unter dem Namen "Junge Helden Berlin". Basketball und Crosslauf für Schüler. Die besten von ihnen standen nach den Finals im April fest. Bereits im November 2004 erfuhr Claudia Kotter von den Kinospots. Sie rief sofort die Marketing-Beauftragte der Bewag an. Seitdem dreht sich der Namensstreit im Kreis. Markenrecht ist eine komplizierte Kiste. Der Verein hatte sich seinen Namen nicht schützen lassen. Die Bewag tat dies. Markenschutz sei im Hause für PR-Aktionen "seit Jahr und Tag gang und gäbe", sagt deren Sprecher Olaf Weidner. Die Bewag unterstützt zahlreiche soziale Projekte. Claudia Kotters Anwältin Julia Bezzenberger unterstellt dem Konzern auch "keine böse Absicht". Aber erst Monate nach Claudia Kotters erstem Anruf beim Stromversorger im November ging beim Deutschen Patent- und Markenamt die Bewag-Anmeldung für die Wortmarke "Junge Helden Berlin" ein - exakt am 16. Februar diesen Jahres. Am 13. März wurde sie dann eingetragen. Bewag-Sprecher Weidner sagt, es sei für die Bewag "am Anfang nicht ganz klar gewesen", dass es einen Verein namens "Junge Helden" gäbe. Bei der Berliner Werbeagentur "Dorland", die die Bewag-Kampagnen betreut, heißt es dagegen, man habe davon gewusst, aber sich nicht daran gestört. "Dass das letzten Endes für den Verein nicht optimal ist, können wir nachvollziehen", sagt Weidner. "Aber wo ist der Schaden für den Verein? Eigentlich wird ihr Name ja so noch bekannter." Man wolle den Begriff "Junge Helden Berlin" auch beim nächsten Schul-Cup plakatieren. Genau das lehnt der Verein vehement ab. Die Bewag hat dem Verein mehrere Angebote unterbreitet. Zuletzt eine Sponsoringofferte, 10 000 Euro. Dafür hätte die Bewag bei allen davon finanzierten Aktionen des Vereins als Sponsor genannt werden müssen. Umgekehrt aber wäre der Verein von der Bewag nicht mit auf die Plakate und in die Werbespots für ihren Schul-Cup genommen worden. Claudia Kotter hat abgelehnt. "Ich will kein Geld, ich will meinen Namen zurück", sagt sie sauer. Der Wortmarkenschutz der Bewag gilt unter anderem für Bekleidungsstücke. Das Unternehmen verteilt eigene "Junge Helden Berlin"- T-Shirts. T-Shirts aber sind die Haupteinnahmequelle des Vereins "Junge Helden". Wer an ihn 20 Euro spendet, erhält eine Spendenquittung und eben ein T-Shirt. "Hätte ich diese Sponsoringvereinbarung unterschrieben, hätte ich keine Wahl mehr gehabt", sagt Claudia Kotter. "Dann hätte die Bewag die Shirts, die Markenrechte und von mir auch noch die Freigabe, dass ich für 10 000 Euro meine Klappe halte." Klappe halten kommt schon mal gar nicht in die Tüte. Claudia Kotter ist eine Kämpferin. Schon immer gewesen. Man kann nicht sagen, ob das in ihrer Natur begründet liegt oder in ihrem Lungendefekt. Womöglich lässt sich das auch nicht trennen. Ihre Krankheit nennt sie "eine Riesenbereicherung". Dieses Gefühl, dass es bei allem jugendlichen Vergnügungsspaß immer noch mehr gebe. Ein existenzialistischer Widerhall, der ihrem Lebenshunger einen tieferen Sinn verleiht. Man staunt über so wenig Selbstmitleid. An jedem Geburtstag hält sie vor den Freunden eine Dankesrede. Ihre Mutter, die sie viel unterstützt, hat mal gestaunt, ihre Tochter würde jedes Mal sagen, das letzte Jahr wäre das tollste gewesen. Jedes Jahr. Claudia Kotter träumt davon, dabei zu sein, wenn ihre Schwester heiratet. Und sie selbst? "Heiraten? Bin noch nicht sicher." Und dann: "Ich bin ja erst 24 Jahre alt." Denn Claudia Kotter hat noch viel vor. Ganz viel. Zum Sterben bleibt da keine Zeit.

Erik Heier

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