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Junge Helden retten Leben

Lungenkranke 23-Jährige will mit ihrem neu gegründeten Verein das Thema Organspende aus dem Schattendasein holen

Sie hat es sich so gemütlich wie möglich gemacht. Auf dem breiten Bett liegt eine knallrote Tagesdecke, an den Wänden hängen Fotos von ihrer Familie und ihren Freunden. Seit drei Monaten liegt die 23-jährige Claudia Kotter auf der Pneumologie der Charité. Wie lange sie noch bleiben muss, weiß niemand. Denn um weiterleben zu können, braucht Claudia eine neue Lunge.

Claudia sitzt im Schneidersitz auf dem Bett. Über einen dünnen Schlauch wird sie mit zusätzlichem Sauerstoff versorgt. "Ohne Sauerstoffgerät kann ich eigentlich nirgendwo mehr hin", sagt sie. Überhaupt ist sie ziemlich gebunden an dieses Zimmer, an dieses Krankenhaus. Denn jede Sekunde kann jemand hereinkommen und sagen. "Wir haben eine passende Lunge für dich." Auf diesen Moment wartet sie, aber gleichzeitig fürchtet sie ihn auch. "Selbst wenn ich operiert werde, heißt es ja noch nicht, dass ich auch überlebe."

Claudia war vier Jahre alt, als ihrer Mutter auffiel, dass sie beim Spielen immer blaue Finger bekam. Diese Durchblutungsstörung war ein erstes Anzeichen der Krankheit Sklerodermie. Bei dieser sehr seltenen Erkrankung des Bindegewebes kommt es zu einer Verhärtung der Blutgefäße. Auch andere Organe wie Speiseröhre, Magen- und Darmtrakt, Nieren Herz oder - wie im Fall von Claudia - die Lunge können betroffen sein.

Den ersten richtig schweren Krankheitsschub hat Claudia mit 18. Doch sie gibt nicht auf und trainiert ihren Körper, bis er lernt, mit weniger Sauerstoff auszukommen. Nach dem Abitur geht sie zum Studieren in die USA. Doch sie wird immer kurzatmiger, fühlt sich schlapp. Eines Abends beginnt sie auf einer Party Blut zu husten. "Ich bin so schnell wie möglich zurück nach Hause geflogen", sagt Claudia. Ihr Arzt eröffnete ihr dann, dass ihre Lunge sehr angegriffen ist und sie früher oder später über eine Transplantation nachdenken müsse. "Ich konnte es nicht fassen", sagt Claudia, "vor 24 Stunden war ich noch in Kalifornien am Strand und jetzt sollte ich plötzlich schwer krank sein."

Claudia beginnt, sich intensiv mit dem Thema Organspende zu beschäftigen. "Vorher hatte ich davon eigentlich keine Ahnung", sagt sie. "Und meinen Freunden ging es ähnlich. Sie interessierten sich zwar für das Thema, hatten sich aber noch nicht richtig damit auseinander gesetzt."

Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. In einer repräsentativen Umfrage zur "Einstellung Jugendlicher zum Thema Organspende" gaben 68 Prozent der befragten Jugendlichen an, dass sie mit einer Organentnahme im Falle ihres Todes einverstanden wären - einen Organspendeausweis hatten allerdings nur elf Prozent der Befragten. Über die Gründe für diese Diskrepanz lässt sich nur spekulieren. "Sicher spielt die Verdrängung eine Rolle", vermutet Claudia, "wer beschäftigt sich schon gern mit dem eigenen Tod." Aber auch diffuse Ängste vor Missbrauch sorgen für Verunsicherung. "Mir ist jedenfalls schnell klar geworden, wie wichtig die Aufklärung über Organtransplantation ist", sagt Claudia. Mit ihrer Familie, ihrer Cousine Loretta Stern, und Freunden, zu denen auch Schauspieler Jürgen Vogel gehört, gründet sie den Verein "Junge Helden". Mittlerweile tragen auch schon Lucy von den No Angels und Barbara Schöneberger die weißen T-Shirts mit dem rot-weißen Junge-Helden-Logo auf der Brust. "Unser Ziel ist es, mehr Bewusstsein für das Thema zu schaffen", sagt Claudia. "Im Januar wird eine bundesweite Kampagne starten, die die Berliner Werbeagentur McCann-Erickson Communications House für uns gemacht hat." Geplant sind unter anderen Spots für MTV, Fernsehen und Kino, aber auch auffällige Plakataktionen. "Wir wollen in Clubs und Szene-Lokale gehen, das Gespräch mit jungen Leuten suchen und Organspende-Ausweise verteilen", sagt Claudia, "Ich kann jeden verstehen, der sich aus Angst oder anderen Gründen gegen eine Organspende entscheidet." Nur gedankenlos dürfe man mit diesem Thema nicht umgehen.

Denn Gedankenlosigkeit ist etwas, dass Claudia verabscheut. "Die Krankheit hat mich schon sehr früh gezwungen, einzusehen, dass man nicht einfach blauäugig durchs Leben gehen kann", sagt sie. Claudia denkt viel nach. Über sich, über das Leben. Und natürlich auch über die Tatsache, dass jemand sterben wird, damit sie gerettet werden kann. "Die Vorstellung ist sehr traurig", sagt sie, "aber dieser Mensch stirbt ja nicht meinetwegen."

Claudia wird oft gefragt, was ihr größter Wunsch ist. "Natürlich erwarten alle, dass ich sage: gesund sein. Aber ganz so einfach ist das nicht. So sonderbar das klingt, aber diese Krankheit hat mir auch viel Positives gegeben", sagt Claudia. "Ich habe durch sie viele tolle Menschen kennen gelernt." Denn es ist nicht nur ihre Familie, die sie unterstützt. Es sind auch Menschen wie ihre Freundin Annika, die ihr Studium in München unterbrochen hat und mit in Claudias Krankenzimmer gezogen ist, um bei ihr sein zu können. Oder ihr Freund Arend, der ihr noch nachts Essen von McDonalds ins Krankenhaus bringt. Und all die vielen anderen Menschen, die versuchen, ihr das unerträgliche Warten ein bisschen leichter zu machen. "Allein schon deshalb will ich kämpfen", sagt Claudia.

Nicole Dolif

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