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Gastbeitrag von Inka: Organspende in den USA

Author: am 4.03.2014 um 15:54
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Unser Blog soll ein Forum sein für den Austausch mit Euch, also mit denjenigen, die sich für das Thema Organspende interessieren, engagieren und es diskutieren. Eine davon ist Inka, die aus Deutschland stammt und in den USA lebt. Wir haben sie eingeladen, einen Blogbeitrag zu schreiben und vom Umgang mit dem Thema Organspende in ihrer neuen Heimat zu berichten. Viel Vergnügen bei der Lektüre!

Mein Name ist Inka, im Dezember 2002 habe ich Lunge und Leber transplantiert bekommen und ich wohne seit 2009 in den USA, wo ich eine etwas andere Umgehensweise mit dem Thema Organspende kennengelernt habe. Darüber möchte ich in diesem Beitrag berichten.

Zunächst einmal ist die gesetzliche Lage in den USA anders als in Deutschland. Hier wird man unweigerlich dann zum ersten Mal mit dem Thema Organspende konfrontiert, wenn man einen Führerschein beantragt. Denn auf dem Führerschein ist vermerkt, ob man Organspender ist, oder nicht. Und da man seinen Führerschein in den Staaten alle zwei bis sechs Jahre erneuern muss, stolpert man unweigerlich immer wieder über die Frage: „Organspender ja oder nein?“.

Und sollte man die Gelegenheit verpasst haben, sich im Führerscheinbüro registrieren zu lassen, dann kann man sich ganz einfach online als Spender anmelden. Vom Sofa aus ein paar Fragen beantworten, absenden, fertig! Man muss nichts ausdrucken, keinen labbrigen Papierfetzen im Portemonnaie mit sich herumtragen, den man nach einem Jahr eh nicht mehr lesen kann. Hier registriert man sich elektronisch, ohne  Ausweis, easy!

Aber wie sieht das Thema Organspende von Seiten des Spenders bzw. dessen Hinterbliebenen aus? Amerika ist Deutschland in genau dem Punkt voraus, den Anna Barbara in ihrem letzten Blogbeitrag „Warum ist die Zahl der Organspende gesunken?“ angesprochen hat. Hier ist nicht der behandelnde Arzt dafür zuständig, die Hinterbliebenen über die Möglichkeit einer Organspende in Kenntnis zu setzen. Dergleichen übernimmt ein Mitglied der sogenannten OPO (Organ Procurement Organization). Die Mitglieder der OPO sind speziell ausgebildet, um in angemessener Art und Weise mit den Angehörigen, eine potentielle Organspende zu besprechen oder sie darüber in Kenntnis zu setzen, dass der Verstorbene bereits als potentieller Organspender registriert ist. Dass ein registrierter Spender nicht spendet, weil niemand mit dessen Hinterbliebenen spricht, ist hier nahezu ausgeschlossen.

Das zum Organisatorischen. Doch es gibt meiner Meinung nach noch einen weiteren Grund dafür, warum die Spendenbereitschaft in den USA besser ist als in Deutschland. Und zwar der Umgang mit dem Thema im Allgemeinen. In den USA ist man als Transplantierter stolz darauf, transplantiert zu sein. Man erzählt seine Geschichte mit viel Enthusiasmus, mit strahlenden Augen und stets mit einer ausgesprochenen Motivation, diese zweite Chance zu nutzen und zu leben und die Welt daran Teil haben zu lassen. Es wird selten auf geringen Spenderzahlen rumgeritten, selten werden Reden geschwungen, wie viele Menschen auf der Warteliste sterben (in den USA übrigens 18 pro Tag). Das Thema Organspende ist ein Grund zur Freude und zum Feiern. Es gibt in den USA eine Menge an Volksveranstaltungen, die Organspende zum Thema haben. Vor allem Volksläufe. Man kann sich informieren, kann sich registrieren lassen aber vor allem soll man Spaß haben und sehen, dass Organspende in der Tat Leben rettet. Dass Transplantierte Menschen sind wie du und ich und dass sie gerne ihre Erfolgsgeschichte teilen.

Vielleicht ist das einer der Gründe dafür, warum in den USA ganze 47,5% der Bevölkerung registrierte Spender sind. In konkreten Zahlen ausgedrückt resultierte dies im Jahr 2013 in insgesamt 26.517 transplantierten Organen. Im Augenblick stehen 121.338 Menschen auf der Warteliste. Doch am meisten Hoffnung gibt eine neuste Umfrage nach der 94,9% der Amerikaner Organspende unterstützen!

Die Politik ist in den USA dagegen genauso unentschlossen wie in Deutschland. Immer wieder kommt auch hier die Frage auf, ob die Widerspruchsregelung in Bezug auf Organspenden eingeführt werden soll oder nicht. Doch bis jetzt hat sich auch hier noch kein Staat dazu durchringen können den ersten Schritt zu tun, die Widerspruchsregelung einzuführen und damit für alle anderen Staaten den Weg zu ebnen. Wir werden sehen.

Doch in den USA wird das Thema Organspende noch zusätzlich dadurch positiv aufgeladen, dass man hier seine Spenderfamilie kennenlernen kann, vorausgesetzt Transplantierter und Spenderfamilie stimmen dem zu. Und ich muss sagen, es ist etwas ganz Besonderes zu sehen, wie sich Hinterbliebene und Transplantierte das erste Mal in den Arm nehmen. Zu sehen, wie eine Spendermutter den Dreijährigen in die Arme schließt, der nun mit dem Herzen ihres verstorbenen Kindes weiterlebt ist – nun – schlicht unbeschreiblich. Ein Kreis schließt sich und plötzlich kann man beide Seiten der Organspende kennenlernen. Man bekommt zum Einen einen Eindruck davon, wie unglaublich es ist, eine zweite Chance im Leben zu bekommen. Einen Eindruck, den wir alle schon viele Male in Interviews, Dokumentationen, Büchern usw. vermittelt bekommen haben. Aber vor allem bekommt man einen Eindruck davon, wie heilsam es sein kann, eine zweite Chance zu GEBEN.

Spenderfamilien berichten hier immer und immer wieder wie hilfreich es für sie ist zu sehen, dass zumindest das Leben eines anderen Menschen weiter geht. Eine Sichtweise, die meiner Meinung nach notwendig ist, will man Spenderzahlen steigern. Denn mit wem identifiziere ich mich leichter als gesunder, potentieller Spender? Als jemand, der noch nie in seinem Leben im Krankenhaus und noch nie in seinem Leben ernstlich krank war? Mit einem Transplantierten oder den Hinterbliebenen?

Inka Nisinbaum

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