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Die Logistik einer Organspende: Interview mit Lena, studentische Mitarbeiterin der DSO

Author: am 17.08.2016 um 16:30
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Junge Helden: Was machst Du bei der DSO in Berlin? Was sind Deine Aufgaben?
Lena: In der Kurzversion: die Logistik einer Organspende. Wir „Studenten“ im Büro der DSO sind nachts und am Wochenende immer in Rufbereitschaft und sobald in unserer Region eine Organspende läuft, sind wir daran beteiligt. Während ein Koordinator der DSO bei dem Spender im Krankenhaus ist, organisieren wir im Hintergrund alles, was nötig ist, damit die Spende erfolgreich verläuft.
Man kann es sich vorstellen wie eine kleine Leitstelle. Alle, die an der Spende beteiligt sind, werden über uns miteinander vernetzt und koordiniert: das Krankenhaus des Spenders, die Labore, Eurotransplant, die Empfängerzentren und die Teams, die die Explantation durchführen. Da Organspenden in der Organisation sehr komplex, aber nicht im Voraus planbar sind, müssen da nachts schnell und flexibel Pläne her.

Kannst Du uns beschreiben, was passiert, wenn ein Anruf bei Euch eingeht, dass ein Organ oder mehrere Organe zur Spende freigegeben wurden?
Es fängt meistens mit dem Anruf eines Arztes einer Intensivstation an, der uns mitteilt, dass dort ein potenzieller Spender liegt. Wichtig ist für uns dann immer zu wissen, ob der Patient bereits bestätigt an einem irreversiblen Hirnausfall (IHA) verstorben ist. Zweitens ist wichtig, ob eine Zustimmung für eine Organspende vorliegt. Hier kommt der Organspendeausweis ins Spiel, im Zweifelsfall aber immer auch das Gespräch mit den Angehörigen. Manchmal ist beides geklärt, wenn der Anruf kommt, manchmal dauert es noch mehrere Stunden bis Tage. In vielen Fällen bleibt es bei dem Anruf und es kommt zu keiner Spende.
Wenn aber die Zustimmung vorliegt und der Spender hirntot ist, fährt ein Koordinator der DSO zum Krankenhaus. Wir bereiten Probenmaterial vor, sorgen für ein Auto (die Johanniter sind unser treuer Transportservice), kümmern uns darum, dass jemand im Labor in Berlin ist der die Blutproben direkt auswertet und leiten die Ergebnisse weiter. Der Koordinator untersucht die Organe, entscheidet, welche davon gesund genug sind, um für eine Spende in Frage zu kommen und sendet alle Ergebnisse an Eurotransplant. Bis hierhin ist es für mich im Büro noch recht ruhig und die Arbeit überschaubar. Sobald aber durch Eurotransplant feststeht, welches der Organe zu welchem Empfänger vermittelt wurde, gibt es gleich mehrere Dinge zu tun.
Nehmen wir an, es wurden das Herz, die Lunge, die Leber und beide Nieren vermittelt. Während der Koordinator vor Ort sich darum kümmert, dass ein OP zur Verfügung steht und OP-Pfleger und Anästhesisten Bescheid wissen, versuchen wir im Büro, alle Personen und Materialien zur richtigen Zeit zum richtigen Ort zu bringen. Da ist zum einen das Chirurgenteam, das sich um die Bauchorgane kümmert und immer als erstes im OP ist. Bei unserer Spende kommen aber noch ein Herz- und ein Lungenteam hinzu aus den Zentren, in die die Organe vermittelt wurden. Beide Teams können aus dem gesamten Eurotransplantraum kommen, fliegen meistens mit einer kleinen Charter-Maschine und müssen direkt nach der Landung vom Flughafen zur Klinik gefahren werden – alles zeitlich aufeinander abgestimmt. Nicht selten passiert es, dass ein Team es nicht so schnell schafft wie gewünscht und die gesamte Planung verschoben werden muss. All das erfordert viele Telefonate, etwas planerisches Geschick und Geduld.
Die Organe werden immer in einer bestimmten Reihenfolge entnommen. Das Herz wird transportsicher in einer Box verpackt und verlässt sofort nach der Entnahme mit seinem „Herzteam“ die Klinik. Es geht direkt mit einem Auto, gegebenenfalls mit Blaulicht, zurück zum Flughafen. Wenig später muss auch die Lunge so schnell wie möglich zum Empfänger gebracht werden. Gerade Herz und Lunge dürfen nur wenige Stunden außerhalb des Körpers bleiben, sonst werden sie beschädigt und für eine Transplantation ungeeignet. Anschließend folgen Leber und Nieren. Der Zeitdruck ist insbesondere bei den Nieren nicht ganz so hoch, 24 Stunden dürfen vergehen, bis sie wieder implantiert sein müssen. Stehen die Empfängerzentren für die Nieren ebenfalls fest, werden sie häufig mit dem Auto oder an Board eines Linienfluges dorthin transportiert. Bei Linienflügen gibt es beispielsweise eine Kooperation mit manchen Airlines, bei denen wir die Organe dann mit ins Cockpit geben.
Da die Leber schneller wieder implantiert werden muss als die Nieren und nachts, wenn die meistens Spenden ablaufen, keine Linienflüge fliegen, chartern wir häufig ein Flugzeug, das die Leber direkt fliegt. All das unterliegt bestimmten Regeln, Papierarbeit und vielen Absprachen. Unsere Aufgabe ist es, all diese Schritte reibungslos zu organisieren.

Worauf ist zu achten bei der Koordinierung einer Organtransplantation? Was sind die Herausforderungen?
Ich denke, das Wichtigste ist das ständige Mitdenken. Ganz grundlegend sind es immer die gleichen Schritte, aber auch wenn man schon viele Spenden hatte, erlebt man immer wieder etwas Neues. Es wird häufig sehr plötzlich sehr hektisch und es gibt immer Dinge, die anders laufen als geplant. Dann trotzdem ruhig zu bleiben und sich zu konzentrieren, ist schwierig, aber enorm wichtig. Auch wenn der Tonfall im Eifer des Gefechtes mal etwas ruppiger wird, darf man sich das in dem Moment nicht zu Herzen nehmen.
Eine besondere Herausforderung ist es auch immer, mehrere Spenden gleichzeitig zu koordinieren. Zum Einen ist es einfach mehr Arbeit, zum Anderen müssen wir uns gut überlegen, wie wir nun die Autos und Flugzeuge einsetzen, damit wir beide Spenden organisieren können, denn diese stehen natürlich nur begrenzt zur Verfügung! Man muss also auch ein wenig kreativ sein.

Fieberst Du mit Deinen KollegInnen mit bei einer solchen Koordination – trotz aller Professionalität? Wie ist die Stimmung bei Euch nach einer erfolgreichen Koordinierung?
Klar, bei jeder Spende bin ich froh, wenn alles reibungslos klappt. In jedem Dienst ist ja ein Koordinator im Krankenhaus mit einem Studenten im Büro verbunden und für die Spende ist man irgendwie als Team verantwortlich. Wir wissen meist wenig bis gar nichts über die Personen, die die Organe bekommen, aber ich freue mich immer, wenn ich weiß, dass wir bei einer Spende viele Organe erfolgreich vermitteln konnten.
Wirklich nervös mitfiebern tue ich vor allem, wenn es mal eng wird mit Laborergebnissen, Autofahrten und Abflugzeiten. Das Timing ist wirklich alles, aber es spielen so viele Faktoren mit, dass immer mal etwas dazwischen kommen kann. Und seien es das Wetter und vereiste Landebahnen, die Queen in Berlin oder einfach nur Stau. Da hier viel auf dem Spiel steht, ist es daher umso ärgerlicher, wenn etwas nicht klappt, und man sucht dann fieberhaft nach einer Lösung.
Die Stimmung am Ende einer Spende ist ganz unterschiedlich. Unsere Dienste beginnen ja immer nachmittags und gehen bis morgens um 8 Uhr. Die Spenden laufen meistens über Nacht und sind häufig mit Ende unseres Dienstes abgeschlossen. Ich bin dann morgens einfach kaputt und froh, wenn ich nach der Übergabe das Büro verlassen kann. Aber am Ende der Nacht zu wissen, dass ich da als kleines Puzzleteil in einem komplexen Netzwerk zu etwas sehr Sinnvollem beitrage, ist ein schönes Gefühl.

Gibt es eine Organspende, an die Du Dich besonders gut erinnern kannst
Ehrlich gesagt merkt man sich vor allem die Spenden, bei denen man auf viele und neue Herausforderungen stößt! An manche Nacht mit mehreren Spenden kann ich mich gut erinnern, aber auch an eine eigentlich sehr ruhige Spende vor ein paar Monaten, die dann aber durch simples schlechtes Wetter ziemlich spannend wurde. Die Lunge eines Patienten aus Berlin sollte nach Süddeutschland vermittelt werden und das chirurgische Lungenteam plante, mit einer Chartermaschine nach Tegel zu kommen, um die Lunge zu entnehmen. Eine Maschine von uns sollte dann anschließend die Leber zu ihrem Empfänger fliegen. Als ich das mit unserem Piloten plante, sagte der aber, dass eine Schnee- und Unwetterfront aus dem Westen auf uns zu kommt und er weder fliegen noch am Zielort würde landen können. Die Chirurgen aus Süddeutschland wollten noch vor dem Unwetter herfliegen, aber niemand wusste, ob sie mit der explantierten Lunge dann auch noch wieder zurück zu ihrem Empfänger fliegen konnten. Da kam Eurotransplant ins Spiel, die für diesen Fall einen anderen Empfänger in der Nähe von Berlin suchten, der die Lunge im Notfall würde bekommen können. Für die Leber riefen wir probehalber in Tegel an und fragten, ob am nächsten Morgen ein Linienflug die Leber mitnehmen könne. Dort war man sich aber auch sicher, dass wegen des Unwetters am nächsten Morgen nichts seinen gewohnten Gang gehen würde.
Im Endeffekt hat alles geklappt, das Unwetter war harmloser als erwartet und unser Pilot konnte in den frühen Morgenstunden dann doch fliegen. Aber der Weg dorthin war bedeutend aufregender und anspruchsvoller zu organisieren als üblich, denn man will ja für alle Eventualitäten gewappnet sein, damit jedes Organ am Ende erfolgreich transplantiert werden kann!
Welche Spende wir uns als Studenten alle gemerkt haben, ist wahrscheinlich die allererste. Als ich bei der DSO angefangen habe, durfte ich zu einer Spende mit ins Krankenhaus fahren und mir den gesamten Prozess vor Ort anschauen. Ich war nachmittags von 17 Uhr im Krankenhaus, das weiß ich noch sehr genau, und bin von dort am nächsten Morgen um 10 Uhr zur Uni. Die Stunden dazwischen waren unfassbar intensiv, bewegend und aufregend. So habe ich mal gesehen, was die Koordinatoren vor Ort alles regeln, wie die OP verläuft, wie der Verstorbene anschließend versorgt wird, wie die Organe verpackt werden und die einzelnen Teams der Chirurgen arbeiten.

Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit Eurotransplant?
Sehr unkompliziert! Haben die Koordinatoren einen Spender an Eurotransplant (ET) gemeldet, wird dort das Organ vermittelt. Wir warten während dieser Zeit eigentlich nur und bekommen dann meistens per Computersystem zu sehen, wohin die Organe vermittelt wurden. An dem Vergabeprozess sind wir ja nicht beteiligt und unser Job beginnt dann erst wieder mit der Koordination der ausgewählten Zentren. Nur wenn, wie zum Beispiel in der einen Spende vor ein paar Monaten, nicht alles nach Protokoll läuft und Schwierigkeiten auftreten, telefonieren wir und planen gemeinsam. Die Mitarbeiter dort sprechen gefühlt alle Sprachen und haben immer viel zu tun, wenn aber zum Beispiel Nieren ins Ausland gehen teilen sie uns das häufig telefonisch mit und schauen auch direkt nach möglichen Flügen. ET ist im Grunde die höchste Leitstelle einer Organspende, dort laufen die Fäden zusammen. Wir sorgen dann auf etwas kleinerer Ebene dafür, dass alles, was dort entschieden wurde, auch umgesetzt wird.

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